In einem Königreich lebte einst eine junge Prinzessin. Man sagte über sie, sie spreche mit Feen und anderen Waldgeistern, könne einen Drachen reiten, das Gras wachsen hören und verfüge über einen 7. Sinn. Wenn jemand ihr edle Ware anpries, fühlte sie an den Stoffen, sah in das Gesicht des Händlers und wusste sogleich, ob die Ware ihren Preis wert war oder nicht. Wurde ein neuer Diener am Hofe gesucht, so schaute sie ihm prüfend ins Herz. Rümpfte sie die Nase, wurde er abgelehnt, lächelte sie, wurde er eingestellt, denn ihr Vater, der König vertraute ihrer Wahrnehmung über alles. Er wusste, dass sie eine besondere Gabe hatte. Als die Königin gestorben war, fühlte sich der König sehr einsam, denn ihm fehlte der Austausch mit seiner geliebten Frau. So ließ der König einen Tanzball ausrichten. Es waren viele Gäste geladen und sie aßen, tranken und tanzten den ganzen Abend lang. Auf eine elegante Dame hatte der König ein Auge geworfen. Sie hatte vollendete Manieren, war redegewandt, verstand es zu tanzen und ihm die schönsten Blicke zuzuwerfen. Er turtelte mit ihr und hielt dem warnenden Blick seiner Tochter väterliche Strenge entgegen. Doch die Prinzessin ließ nicht davon ab, ihn darauf hin zu weisen, dass die Dame es nicht ehrlich mit ihm meine. Sie hatte bereits den Platz neben dem König eingenommen als der Nachtisch angereicht wurde. In einer Schale mit Früchten, die für den König bestimmt war, entdeckte die fremde Frau unter anderen Früchten Eibenbeeren und warnte den König diese zu essen. So dachte er an einen versuchten Meuchelmord und ließ sogleich den Küchenjungen in den Kerker werfen. Die Tochter aber erschrak sehr darüber, denn sie sah in dem Gesicht des Küchenjungen, dass er nichts falsch gemacht hatte, wohingegen im Gesicht der werbenden Dame Schadenfreude zu sehen war. Bei dem Versuch ihren Vater davon zu unterrichten, fuhr er ihr über den Mund. „Das bildest du dir ein, weil du mich nicht teilen magst!“, denn er war voll des Dankes von jener Frau gerettet worden zu sein. Und bald schon sollten sie Hochzeit feiern.
Von nun an gab es eine Stiefmutter im Schloss. Sie strafte die Prinzessin mit bösen Blicken und machte sie so lange vor dem König schlecht, bis er ihr Glauben schenkte. Die Prinzessin war darüber so betrübt, dass ihre Tränen in Pfützen zusammenflossen und sich ein Lurch darin niederließ. Dieser witterte ein gutes Geschäft und fragte sie, ob er etwas für sie tun könne. Bitte hilf mir von hier wegzukommen, ich tue auch etwas für dich.“ „Gut“, erwiderte der Lurch. „Dann schenke mir deine Gabe des Erkennens von Täuschung“. Das Mädchen erschrak, überlegte ein wenig und entgegnete dann: „Sie hat mir ohnehin nicht geholfen, was soll ich also damit, ich will sie dir geben, wenn du mich aus dem Königreich in ein anderes Land führst.“ Gesagt, getan. Die Prinzessin legte ihre edlen Kleider ab, zog ein einfaches Gewand an, nahm ein Bündel mit und machte sich auf die Reise. Als sie in einem fernen Land ankamen, sagte der Lurch: „Ich habe meinen Teil erfüllt, nun erfülle du deinen.“ Und verabschiedete sich nach dem Erhalt der Forderung.
Um in das nächste Dorf zu gelangen musste das Mädchen den Wald durchqueren. Kaum war sie im Wald angelangt, da kam ein junger Mann daher. Er sah ehrenhaft aus und bewunderte ihre Schönheit. Sie könne bei ihm arbeiten und Brot backen. Das Mädchen willigte ein, da er freundlich wirkte und folgte ihm zu seinem Haus im Wald. Kaum betraten sie es, wollte er jedoch das Mädchen zur Frau nehmen. Es ahnte in welcher Not es sich befand, und sagte dem Mann: „Lass uns vorher noch den guten Wein kosten, dann will ich dir ins Gemach folgen.“ Sie tauschte ihren Wein gegen Wasser aus, schlich sich hinaus, als er schnarchend in den Schlaf fiel und setzte ihren Weg fort. Das Unterholz knirschte und eine alte Frau trat heraus. Sie trug einen Korb mit Kräutern und sprach das Mädchen an. „Schöne Frau, ich habe kostbare Pflanzen bei mir die alte Wunden heilen. Willst du sie sehen und anfassen?“ Die Prinzessin wurde neugierig und griff in den Korb. Da fiel sie sogleich in einen tiefen Schlaf der viele Jahre dauerte. Es dauerte lange bis sich drei Tiere an ihrer Seite einfanden, um ihren Schlaf zu beenden. Es waren der Bussard, der die weiten des Himmels erforscht hatte, der Dachs und die Unke. Allein ihre Präsenz vermochte das Mädchen aufzuwecken. Die Prinzessin schlug die Augen auf und erfuhr, dass ein böser Zauber über ihr gelegen hatte. Sie bedankte sich bei den Tieren und zog weiter durch den Wald.
Da hörte sie bald schon eine schimpfende Stimme tönen. „Hört mich denn keiner? Hallo. Hilfe. Ich brauche Hilfe.“ Ein Zwerg hatte sich in den Brombeeren verfangen. Das Mädchen schritt ihm zur Hand. Kaum war er frei, rief er seinen Clan zusammen, um sie als Arbeiterin zu halten. Sie banden ihr einen Stein an den Fuß, damit sie nicht weglaufen konnte und ließen sie im Berginnern putzen, waschen und Holz hacken tagein tagaus. In ihrer Verzweiflung rief die Prinzessin ihre alten Freunde. „Bitte helft mir, liebe Feen. Ich habe meine Gabe verloren und nun bin ich in diese Situation gelangt, dass die Zwerge über mich herrschen“, sagte das Mädchen. Nachdem die Feen Rat gehalten hatten, kamen sie zu ihm zutück. „Wir überreichen dir den Schlüssel zu deiner Gabe und geleiten dich zum Eingang. Finde die Tür zu der dieser Schlüssel passt.“
Die Prinzessin fand dunkle Gänge vor, die im Licht ihrer Laterne viele Schatten warfen. Viele Stufen musste sie herabsteigen bis sie eine Tür fand auf der geschrieben stand: „Hier ist alles schön.“ Sie führte sogleich den Schlüssel ins Schloss, doch dieser wollte nicht passen. Also stieg sie weiter hinab und gelangte zu einer zweiten Tür. Auf dieser stand: „Hier ist alles aus Gold.“ Doch auch in diese wollte der Schlüssel nicht passen. Also stieg sie weiter hinab und gelangte zu einer dritten Tür. Darauf stand geschrieben: „Hier bist du richtig.“ Das Mädchen steckte den Schlüssel ins Schloss und er passte. Ächzend öffnete sich die Tür und gab einen unheimlichen Raum preis. „An diesem verlorenen Ort war wohl noch nie ein Mensch gewesen“, dachte sie. An den Wänden grinsten Fratzen, hämische Gestalten lauerten in Ecken, Schlangen und Spinnen
näherten sich ihr aus finsteren Gängen. „Wird mein letztes Stündlein geschlagen haben oder werde ich hier wieder lebendig hinausgelangen?“, fragte sich das Mädchen. Es schloss die Augen und horchte nach innen. Dort fand es ein tiefes Bedauern, dass der König nicht auf sie gehört hatte, sondern auf die List der Frau reingefallen war. Sie spürte auch wie weh es getan hatte, eine Gabe zu besitzen, die keiner zu würdigen wusste und den Verlust sie eingetauscht zu haben für ein Leben in Ungewissheit und Täuschung.
„Dabei hätte ich doch dankbar sein können, so eine Gabe zu besitzen“, dachte sie. Auch fühlte sie eine starke Sehnsucht nach dem Vater, dem Königreich mit der treuen Gefolgschaft, den Drachen, Elfen und anderen Wesenheiten.
Als die Prinzessin die Augen öffnete, fand sie sich auf ihrem roten Drachenfreund wieder, der sie über die Wälder zurück ins Königreich brachte.
Der König hatte unterdessen seit ihrem Fortgehen viele Tränen vergossen und bereute es, nicht auf seine Tochter gehört zu haben, denn er war den Intrigen der Gemahlin auf die Schliche gekommen und hatte sie, schon hoch betagt, aus dem Königreich hinausgeworfen. Da kam endlich seine Tochter, die Prinzessin,
zurück. Sie fielen sich in die Arme und er gab ihr zu Ehren ein großes Fest.
Die Prinzessin aber hatte ihre Gaben wieder und feierte bald schon Hochzeit mit einem guten Mann, der sie so liebte wie sie war. Feierlich übergab der König die Krone an seine Tochter und dankte ab. Alle Menschen, die Übles planten flohen aus Angst vor Enttarnung aus dem Lande.
Und falls sie nicht gestorben sind, führen die Königin und ihr Gemahl glücklich und in Frieden, voll Güte und Wahrhaftigkeit in Einklang mit allen Geschöpfen ihr Amt aus.
30.3.2025 Anke Ziehm